Erste Hilfe bei Picky Eating – was Eltern im Alltag tun können
- Rebekka Camenisch
- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit

Ist mein Kind ein Picky Eater – oder ist das noch eine normale Phase?
„Nur noch einen Bissen.“
„Probier doch wenigstens.“
„Gestern hast du das doch noch gegessen!“
Und irgendwann sitzt man am Tisch und merkt: Eigentlich reden wir nur noch übers Essen.
Was wurde gegessen? Wie viel? Warum wird die Gurke heute abgelehnt, obwohl sie letzte Woche noch völlig in Ordnung war? Und bekommt mein Kind überhaupt genügend Nährstoffe, wenn gefühlt immer dasselbe auf dem Teller landet?
Picky Eating kann Eltern ganz schön verunsichern.
Darum möchte ich dir zuerst etwas Wichtiges mitgeben: Nicht jedes wählerische Essverhalten ist automatisch problematisch.
Und gleichzeitig müssen wir auch nicht alles mit „Das ist nur eine Phase“ abtun.
Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Was ist Picky Eating eigentlich?
Picky Eating bedeutet vereinfacht gesagt, dass ein Kind beim Essen sehr wählerisch ist.
Vielleicht isst es nur eine begrenzte Auswahl an Lebensmitteln, lehnt Neues ab oder akzeptiert bestimmte Konsistenzen überhaupt nicht. Gemüse wird konsequent aussortiert, Lebensmittel dürfen sich auf dem Teller nicht berühren oder die Lieblingsnudeln werden plötzlich abgelehnt, weil sie eine andere Form haben.
Wichtig ist dabei: Picky Eating ist nicht bei jedem Kind gleich.
Deshalb schaue ich nicht nur darauf, was ein Kind isst.
Mich interessiert auch: Wie gross ist die Auswahl? Wird sie kleiner oder grösser? Wie reagiert das Kind auf unbekanntes Essen? Wie entwickeln sich Wachstum und Gewicht? Gibt es Schwierigkeiten beim Kauen oder Schlucken, Verstopfung, Schmerzen oder einen starken Würgereiz?
Und ganz wichtig: Wie viel Stress entsteht rund ums Essen?
Ist mein Kind ein Picky Eater – oder ist das noch eine normale Phase?
Gerade bei jüngeren Kindern sind wählerische Phasen häufig.
Plötzlich wird Gemüse abgelehnt. Neues Essen ist suspekt. Und was gestern noch Lieblingsessen war, wird heute mit einem überzeugten „Bäh!“ vom Teller geschoben.
Das kann durchaus zur normalen Entwicklung gehören.
Ein wichtiger Unterschied liegt für mich im Gesamtbild.
Isst dein Kind grundsätzlich verschiedene Lebensmittel, kann mit der Familie am Tisch sitzen, toleriert ungeliebte Lebensmittel in seiner Nähe und verändert sich seine Auswahl immer wieder? Dann dürfen wir häufig erst einmal beobachten und gelassen bleiben.
Genauer hinschauen würde ich, wenn die Auswahl immer kleiner wird, ganze Lebensmittelgruppen wegfallen oder Lebensmittel nur noch in ganz bestimmten Formen, Farben, Konsistenzen oder Zubereitungen akzeptiert werden.
Auch wenn neue Lebensmittel starken Stress auslösen, dein Kind lieber hungrig bleibt als etwas Unbekanntes zu essen oder Mahlzeiten regelmässig in Diskussionen und Tränen enden, lohnt sich ein genauerer Blick.
Dabei gilt aber:
Ein einzelnes Verhalten macht ein Kind noch nicht zum Picky Eater.
Entscheidend sind Ausprägung, Dauer und Entwicklung.
Erste Hilfe: Druck rausnehmen
Das klingt einfach.
Ist es aber oft überhaupt nicht.
Wenn das eigene Kind kaum etwas isst, geht bei uns Eltern schnell der innere Alarm an.
„Es muss doch etwas essen!“
Und schon beginnen wir zu verhandeln.
„Noch drei Bissen.“
„Wenigstens einmal probieren.“
„Wenn du das Gemüse isst, bekommst du nachher Dessert.“
Das ist verständlich. Nur hilft mehr Druck häufig nicht dabei, dass Kinder entspannter und vielfältiger essen.
Darum ist einer meiner wichtigsten Grundsätze:
Du entscheidest, was angeboten wird. Dein Kind entscheidet, was und wie viel es davon essen möchte.
Das bedeutet nicht, dass dein Kind jeden Abend sein Wunschmenü bekommt.
Du gibst den Rahmen vor. Dein Kind darf innerhalb dieses Rahmens auf Hunger, Sättigung und seine eigenen Grenzen hören.
1. Ein sicheres Lebensmittel gehört dazu
Versuche bei jeder Hauptmahlzeit mindestens ein Lebensmittel anzubieten, das dein Kind normalerweise gerne und zuverlässig isst.
Es gibt beispielsweise Reis, Poulet, Brokkoli und Sauce.
Dein Kind isst Reis zuverlässig? Wunderbar.
Dann gibt es etwas Vertrautes auf dem Tisch und du musst trotzdem kein separates Kindermenü kochen.
Das schafft Sicherheit.
2. Neues darf winzig sein
Ein riesiger Brokkolibaum auf dem Teller kann für ein skeptisches Kind bereits zu viel sein.
Ein winziges Stück daneben?
Vielleicht machbar.
Bei unbekannten Lebensmitteln geht es zunächst nicht darum, eine ganze Portion zu essen.
Es geht um Kontakt.
Anschauen. Anfassen. Riechen. Ablecken. Vielleicht in den Mund nehmen. Und irgendwann möglicherweise essen.
Wir Erwachsenen sehen oft nur den letzten Schritt als Erfolg.
Dabei kann es bereits ein Fortschritt sein, wenn dein Kind eine Erdbeere auf seinem Teller toleriert, die gestern sofort wieder weg musste.
3. Wieder anbieten – ohne ständig zum Probieren aufzufordern
„Das mag er nicht.“
Mit diesem Satz wäre ich vorsichtig.
Geschmack und Akzeptanz können sich im verlaufe der Entwicklung verändern. Kinder dürfen Lebensmittel deshalb immer wieder begegnen.
Aber wiederholt anbieten bedeutet nicht wiederholt überreden.
Die Gurke darf heute auf dem Tisch liegen, ohne dass dein Kind sie essen muss.
Beim nächsten Mal vielleicht auf seinem Teller.
Und irgendwann wird möglicherweise hineingebissen.
Oder eben noch nicht. Dann ein ander mal.
4. Macht Essen übersichtlich
Manche Kinder kommen mit gemischten Speisen schlechter zurecht.
Eine Lasagne ist für uns einfach Lasagne.
Für ein Kind sind darin vielleicht Sauce, Käse, Fleisch, Nudeln, Stückchen und verschiedene Konsistenzen gleichzeitig.
Dann können Mahlzeiten hilfreich sein, bei denen einzelne Bestandteile getrennt auf dem Tisch stehen.
Wraps eignen sich wunderbar: Tortillas, Gemüse, Käse, Poulet und Sauce kommen separat auf den Tisch und jeder stellt sich sein Essen selbst zusammen.
Das funktioniert genauso mit Bowls, Pasta, Ofenkartoffeln oder einem einfachen Abendbrot.
Die Familie isst gemeinsam – aber jeder darf auswählen.
5. Macht aus dem Esstisch wieder einen Familientisch
Versuche einmal darauf zu achten, wie häufig ihr während einer Mahlzeit über das Essen des Kindes sprecht.
„Iss noch etwas.“
„Du hast fast nichts gegessen.“
„Super, du hast Gemüse probiert!“
Selbst positiv gemeinte Kommentare können dazu führen, dass das Essverhalten ständig im Mittelpunkt steht.
Redet lieber über den Tag.
Über den Kindergarten.
Über Ferienpläne.
Oder darüber, warum ein Dinosaurier wahrscheinlich ein ziemlich schlechtes Haustier wäre.
Essen darf einfach auf dem Tisch stehen, ohne ständig Hauptdarsteller zu sein.
6. Gebt Hunger und Sättigung wieder Raum
Wenn über den ganzen Tag ständig etwas geknabbert wird, kann es schwierig sein, zu den Hauptmahlzeiten überhaupt Hunger zu entwickeln.
Eine einfache Struktur kann helfen:
Frühstück – Znüni – Mittagessen – Zvieri – Abendessen.
Dazwischen gibt es auch einmal eine Essenspause. Wasser darf natürlich immer zur Verfügung stehen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, ein Kind hungrig werden zu lassen, damit es irgendwann „schon essen wird, was auf den Tisch kommt“.
Sondern darum, Hunger und Sättigung überhaupt wahrnehmen zu können. So wie dem Darmeigenen Putztrupp die Arbeit zu ermöglichen.
Wann sollte ich Unterstützung holen?
Wenn dein Kind Gewicht verliert oder nicht altersentsprechend wächst, die Lebensmittelauswahl sehr stark eingeschränkt ist oder immer kleiner wird, solltest du genauer hinschauen.
Das gilt auch bei Schmerzen, häufigem Würgen oder Erbrechen, Schwierigkeiten beim Kauen oder Schlucken, grosser Angst vor Lebensmitteln oder wenn Essen das Familienleben zunehmend belastet.
Dann können je nach Situation Kinderarzt oder Kinderärztin, Ernährungsberatung und weitere spezialisierte Fachpersonen sinnvoll sein.
Denn manchmal steckt hinter einem stark eingeschränkten Essverhalten mehr als eine wählerische Phase.
Zum Schluss
Picky Eating braucht selten noch mehr Druck.
Oft braucht es Sicherheit.
Verlässliche Mahlzeiten. Bek
annte Lebensmittel neben neuen. Viele kleine Begegnungen. Und Eltern, die den Rahmen halten, ohne jeden Bissen kontrollieren zu müssen.
Vielleicht wird dein Kind den Brokkoli morgen trotzdem nicht essen.
Das muss es auch nicht.
Vielleicht darf er erst einmal einfach mit am Tisch sitzen.
Und manchmal ist genau das der erste Schritt.
Mächtest du wissen wo ihr mit euerem Kind steht ? Dann kannst du hier zum kostenlosen kurztest zum Thema Picky Eating, wie wählerisch ist mein Kind?
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